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Donnerstag, 23. Januar 2020 13:16

 

Recap Lausanne 2020 -

Lausanne 2020 ist seit gestern Geschichte und die Spielerinnen wieder auf dem Weg nach Hause. Was bleibt sind zwei Wochen Heimspiele und Emotionen auf höchstem Niveau. Und sportliche Erkenntnisse, welche in den Verbandsbüros für Betriebsamkeit sorgen werden.

Eine unabhängige Sicht der Dinge.

Lausanne 2020 – Heimspiele – olympische Momente mitten unter uns. Und die Spiele hielten was sie versprachen – und mehr! Angefangen mit dem 3x3-Turnier, zuerst skeptisch belächelt und danach frenetisch gefeiert. Gemischte Teams aus jeweils 13 Nationalitäten, gleichmässig unterstützt vom zahlreihen Publikum und kaum Zeit zum Atmen auf dem Eis, so schnell ging und geht es hin und her.

Ein Riesenerfolg und Zuschauermagnet. Und mit Nubya Aeschlimann ein historisches Gesicht dazu. Als bislang einzige Schweizer Spielerin (und -spieler eingeschlossen) errang sie im Eishockey olympisches Gold. Das dies einer Frau als erstes gelang ist ein schöner Wink der Geschichte.
Gratulation auch den anderen drei Medaillengewinnerinnen und -gewinner der Delegation! Angelina und Valerie vervollständigten den Medaillensatz. Sensationell.

Mit der Heimreise der 3x3-Spielerinnen und -spieler begann das 6-Team-Turnier aus Schweizer Sicht für Jungs und Mädchen. Im fernen Romanshorn vorbereitet konnten sie wohl nur erahnen, was sie in Lausanne erwarten würde. Und auch hier lieferte Lausanne. Alleine 500 Schulkinder empfingen die Schweizerinnen zu ihrem ersten Training in der Vaudoise Arena. Das hat es in der Geschichte schlicht noch nie gegeben. Und forderte die erst 14- und 15-Jährigen Eishockeyanerinnen ein erstes Mal so richtig heraus. Nicht unvorbereitet auf das was olympische Spiele bringen waren sie zwar, doch mit diesen Eindrücken muss man zuerst umgehen können. Und das vermochte das Team von Tatjana Diener zu meistern.

Die elektrisierende Stimmung in der Vaudoise Arena war über alle Turniere hinaus eine unglaubliche Freude. Und wirkte! Wie es sich anfühlt, als Schweizer Eishockeyspielerin in ein Schweizer Stadion mit über 6'000 überwiegend Schweizer Fans einzulaufen, das kann man sich nur erträumen, wenn man nicht selbst dabei war. Einfach unglaublich und überwältigend.
Trotz Überlegenheit des Startgegners hielten die Schweizer Mädchen gegen Tschechien stand, jede rackerte für die Defensive und versuchte nach vorne das Möglichste. Für ein Tor reichte es beiden Teams nicht und so musste das direkt anschliessend angesetzte Penaltyschiessen entscheiden. Dieses sicherten sich die Schweizerinnen mit 2:0 und brachten die Hlle zum Explodieren. Das erste Spiel eines der Heimteams endete in einem Sieg. Emotionen, Freude, Schreie und Gesang gaben sich die Klinke als die Einheimischen eine Ehrenrunde drehten und anschliessend ihr Ritual in der Mitte durchzogen. Da wurde es für einen Moment leise in der Arena und der DJ drehte den Regler zurück um dem «we are the queens» zu lauschen. Nur um danach wieder in Jubelgeschrei auszubrechen ab den 17 Mädchen welche gerade Geschichte schrieben.
Ein magische Moment, dessen Grösse wohl den meisten erst in ein paar Tagen oder Wochen nochmals so richtig bewusst wird.

Die Spiele waren lanciert und die Eisgenossinnen durften tags darauf von der Tribüne verfolgen wie Japan ins Turnier eingriff und die meisten Insider in Staunen versetzten. Was da übers Eis flog, vollstreckte und gewann, war bislang noch nie dagewesen. Tschechien verlor auch Spiel 2 und war nach knapp 24 Stunden bereits aus dem Turnier ausgeschieden. Was dies in den jungen Mädchen hervorrief muss wohl nicht geschildert werden. Bilder, welche tief unter die Haut gehen und niemanden unberührt lassen. Sport und olympische Spiele können brutal sein.

Den Schweizerinnen erging es nicht viel besser. Die erste Linie der Japanerinnen pflügte sich nur einen Tag später auch durch die Schweizer Reihen und zeigte den Gastgeberinnen auf, wo international die Reise hingeht. 5:1 lautete das Verdikt, welches nur durch Louana Biglers Tor und Margaux Favres Ungeschlagenheit im letzten Drittel ein wenig aufgehellt wurde. Und vom aktuellen Zuschauerrekord für ein einzelnes Fraueneishockeyspiel in der Schweiz. 6'600 Fans sorgten für einen weiteren Gänsehautmoment. Einfach unglaublich. Am Abend starteten auch die Jungs ins Turnier, vor ausverkauftem Haus. Und verloren nicht unerwartet gegen die USA.

Nach dem Abschluss der Vorrunde hiessen die Gegnerinnen im Halbfinal Schweden. «Immer diese Schwedinnen» lautete wohl vielerorts das Vorurteil gegenüber dieser Paarung. Doch die Schweizerinnen waren gewillt, sich der Challenge anzunehmen. Und sie lieferten. Jeder Zentimeter Eis wurde verteidigt, keine Scheibe gratis gegeben und es wurde versucht, durch Laufarbeit den meist grösseren Nordländerinnen beizukommen. Margaux Favre hielt ihr Tor lange rein und erst ein nicht geahndetes Foul an Elena Gaberell ermöglichte es den Tre Kronor, den Bann zu brechen. Nicht unverdient zwar aber mit bitterem Beigeschmack. Denn für Gaberell war das Turnier nach dem Gegentreffer vorbei. Auch für Captain Alina Marti, welche nach einem Zusammenprall nur eine Minute vor Schluss ebenfalls verletzt ausschied. Trotz der 0:2-Niederlage und dem Verlust eines Finaltraums war eine Medaille immer noch möglich.
Nicht besser erging es den Jungs am Abend vor zum zweiten Mal ausverkauftem Haus. Ihre sehr beherzte Leistung gegen Finnland wurde schlecht belohnt. Finnland schoss das 2:1-Siegtor erst in der letzten Minute und setzte so dem Medaillentraum ein jähes Ende. Die Jungs schieden damit aus dem Turnier aus.

Gegner im Bronzespiel war für die Girls die Slowakei. Diese hatten sich dank eines 2:1 gegen Deutschland ins Halbfinal gekämpft, dort aber gegen Japan (drittes Spiel innert drei Tagen) keinen Stich. Die Schweiz wurde darauf eingestellt, dass die Slowakinnen mit Kampfgeist überzeugen, technisch und läuferisch sicher aber auf Augenhöhe sind. Und dass dies schliesslich und endlich die Heimspiele seien, an denen es nun gilt, die Reise erfolgreich zu beenden.

Das Spiel begann jedoch denkbar schlecht für die ersatzgeschwächten Schweizerinnen. Schon kurz nach dem Start musste eine 3gegen5-Unterzahl geschafft werden, was aber problemlos gelang. Trotzdem beflügelte dies vor allem die Gegner aus dem Osten und sie behielten lange die Überhand. Erst eine Strafe gegen sie selbst brachte die Schweizerinnen wieder ins Geschäft. Trotzdem verblieb es beim 0:0. Das zweite Drittel brachte mehr Scheibenbesitz für die Schweizerinnen und endlich auch das erste Tor. Verteidigerin Nina Harju hielt von der blauen Linie drauf und ihr Puck fand das Lattenkreuz und den Eintrag auf der Tafel. 1:0 für die Schweiz! Doch die Antwort liess (leider) nicht lange auf sich warten und die Slowakei drehte das Spiel mit zwei schnellen Toren noch vor der Sirene. Und plötzlich standen die Zeichen wieder gegen die Hausherrinnen welche für das letzte Drittel nochmals eine Portion Extramumm und -motivation erhielten. Mit dieser Vision vor Augen liefen die Schweizerinnen die letzten 15 Minuten unter Vollgas und drückten vehement auf den Ausgleich welcher nicht mehr fallen sollte. Chancen waren zu Hauf da, jedoch wurden diese nicht genutzt oder von der slowakischen Hintermannschaft noch geklärt.

So kam es zum Unvermeidlichen dass sich am Ende die Gäste auf einen Haufen warfen während für die Schweizerinnen wie zu Erwarten war die Dämme brachen. Keine Medaille vor eigenem Anhang war für die jungen Mädchen gefühlt so etwas wie die Höchststrafe. Doch so hart es tönt muss man sich auch eingestehen dass mehr drin gelegen wäre, hätte man von Anfang an den Adrenalinspiegel der Gegnerinnen gehabt.

Doch unter dem Strich und nach dem Trocknen der Tränen muss gesagt werden, dass Lausanne 2020 ein riesiger Erfolg war. Nicht nur dass die Spiele zu Hause statt fanden, sondern über 18'000 Fans die Spiele der Schweizerinnen sahen. Die Teams reisten in öffentlichen Verkehrsmitteln und waren so mitten unter den Leuten. Lausanne bereitete den Jungstars aus aller Welt eine wunderschöne Bühne und lockte total 640'000 Menschen an die Veranstaltungen. Die Schweizerinnen wurden wahrgenommen und das mediale Interesse war gross. So dass hoffentlich viele jüngere Spielerinnen einhängen und neue Spielerinnen für den Sport begeistert werden können.

Denn bei aller Euphorie muss auch gesagt werden, wie die Tage am Genfersee sportlich einzuschätzen sind. Als historisch und herausfordernd!

Japan kam gerade mal zwei Tage vor dem Turnier aus Asien kommen an. Sie spielten 4 Spiele in 4 Tagen und gewannen Gold. Erstmals hat sich die Verpflichtung von Arto Sieppi ausbezahlt. Die Jüngsten sind unter seiner Führung zu einem ernsthaften Gegner für europäische Teams gewachsen.

Alleine Topskorerin Ito holte 12 Punkte! Die Schweizerinnen brachten es zusammen auf gerade mal deren 4! Die Art und Weise wie die erste Linie ihre Gegnerinnen dominierte, Skating, Puckmanagement, Support, Ruhe und technische Sicherheit. Das hat man auf dieser Stufe so wohl noch nicht gesehen. Und... Japan skort! Und das ist der definitive Weckruf für alle Gegnerinnen. Denn konnte man früher solche Spiele noch 3:0 gewinnen muss man diesesmal bereits mindestens 5 Tore schiessen um noch zu gewinnen. Denn Japan schoss in jedem Spiel mindestens 4 Tore. Und schöne Tore, Ablenker, Rebound oder den Gegner auf einem Taschentuch ausdribbeln. Alles dabei. Und physisch mithaltend, auch im vierten Spiel noch jagte Sieppi seine erste Formation pausenlos auf’s Eis und diese wiederum ihre Gegnerinnen vor sich her.

Europa tut sich gut daran, die Entwicklung zu beobachten. Da mausert sich ein Team aus Asien langsam zum Medaillenjäger 2026…

Europa: Finnland war nicht vertreten ok, aber mit Schweden der Titalträger der letzten beiden Ausgaben. Und auch das Team 2020 überzeugte durch Power, Grösse und gute Technik. Gereicht hat es nicht, aber in den Final noch allemal. Was eigentlich zeigt, dass sich die Schweden nicht um ihren Nachwuchs sorgen müssen.

Die Slowakei holte die erste Frauenmedaille je für ein Team ihres Landes. Sie schrieben Geschichte welche sich ihnen offenbarte als sie gegen Deutschland und die Schweiz jeweils mit 0:1 hinten lagen. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass technisch ein markanter Gap zu Japan, Schweden und auch Tschechien liegt.

Tschechien «checked out» nach 2 Spielen. Die einst makellose Bilanz der U16 beginnt langsam zu bröckeln. Von den Schweizerinnen im Penaltyschiessen geschlagen erlebten sie gegen Japan gleich noch den blanken Horror. Und wer die Hockeykultur in Tschechien kennt weiss, dass dies nicht ohne laute Worte vom Coachingstaff endet. Man muss den Tschechinnen aber zu gute halten dass sie nach dem Ausscheiden noch bis gestern Morgen täglich auf dem Eis trainierten. Trotzdem vermochten die Silbermedaillenverteidigerinnen von Lillehammer mit dem Team 2020 nicht mehr an vergangene Leistungen anknüpfen, trotz hohem technischen Ausbildungsstand.

Deutschland unterlag der Slowakei trotz eine Führung zur Mitte des Spiels. Nach dem vorzeitigen Ausscheiden brachen auch bei den Nachbarinnen alle Dämme. Unschön aber ein Schritt auf der Karriereleiter. Technisch auf Höhe der Slowakei und der Schweiz. Mit einigen potenziellen U18- und A-Natispielerinnen der Zukunft.

Und zu guter Letzt die Schweiz: im Gegensatz zu den meisten anderen Gegnern mit mehr Breite in den ersten beiden Linien zeigte ein tolles Turnier angesichts des Drucks der Heimspiele und der aussergewöhnlichen Kulisse in der Vaudois Arena. Mit Margaux Favre stellten sie zudem, gemessen an der Anzahl Schüsse, einen überdurchschnittlichen Goalie. Trotzdem reihten sich die Spielerinnen gemessen an ihrem technischen Niveau nicht in die vordere Hälfte der Teams ein. Auch konnte, auf dieser Stufe auch nicht überraschend, der zum Teil grosse körperliche Unterschied nicht alleine mit der Athletik wettmachen. Aber Physis bleibt weiterhin das Thema, ebenso wie Puckkontrolle, Spielübersicht und -verständnis. Wegen ungenauem Passen sowie blinden Abspielen gerieten die Schweizerinnen immer wieder auf die reaktive Seite und mussten viel Energie in die Rückgewinnung der Scheibe stecken. Auch gipfelte dies am Ende in durchgehend negative Schussverhältnisse. Im Medaillenspiel hatten sie Pech mit verletzungsbedingten Abwesenheiten und teils angeschlagenen Schlüsselspielerinnen. Doch es bleibt die Erkenntnis, dass sich das Team noch mehr in den Wettkampfmodus steigern muss, wollen sie entscheidende Spiele gewinnen. Und diese kommen immer erst meist am Ende eines Turniers.

Beenden soll man aber jegliches Protokoll mit etwas Positivem. Und das ist klar, dass sich die Schweiz im internationalen Vergleich nicht verstecken muss. In beiden olympischen Jugendturnieren erreichte man die Top 4 und spielte um Medaillen. Und wenn die einen Spielerinnen noch Pionierinnen bei den Girlsteams waren, so kommen die nächsten Jahrgänge alle aus einer Zeit in welcher es üblich war, schon in der U12-Stufe ab und zu nur mit Mädchen zu spielen. Daraus sind Freund- und Seilschaften entstanden welche es künftig einfacher macht, diesen athletischen und technischen Gap zu korrigieren und mit den Team an Wettkämpfen auf den Punkt bereit zu sein. Das aktuelle U16-Kader musste dies in Lausanne noch mit Lehrgeld bezahlen, jedoch weiss es nun darum und kann daran wachsen.

Freuen wir uns auf die Zukunft, Sie hat mit und in Lausanne einen grossen Schritt nach vorne getan. Aber dessen Tragweite werden sich die Akteurinnen erst bewusst werden, wenn der Schul- und Trainingsalltag sie wieder fest im Griff hat. Dann werden bei Stichworten wie «Vortex», «Banane» oder «Lausanne 2020» die positiven Erinnerungen hochkommen um dessen sie viele Mädchen, Jungs, Vorgängerinnen und Nachfolgende beneiden dürfen.